Vita

Ein magischer Realist in Universalienlösung

Ein Künstler. Ein Entdecker. Ein Beobachter.
Drei Personen in einer: Michael O. Flüß als magischer Realist, der seine lexikalische Matrix schafft und auf dieser ein universales, gleichzeitig sehr spezifisches und einzigartiges Terrain absteckt, zudem mit einer eigenen Sprache, deren enzyklopädischer Tenor die einzelnen Siedler und  technische und architektonische Konstrukte bestimmt und in die ihm eigene urbane Topografie setzt.
Die Kunst von Michael O. Flüß liegt also nun da und ist bereit als Neuland betreten zu werden.

Diese abgebildete reale Welt, die dem Fotorealismus näher zu sein scheint als dem phantastischen Surrealismus in magischer Sphäre, ahmt nun nicht nur in mimetischer Tradition die Natur nach, sondern betritt in Verschmelzung von poetischer Funktionalisierung und entwaffnender Wirklichkeitstreue eine andere Dimension. Sie erschließt sich doch mitnichten auf den ersten Blick, lässt den kurzzeitigen stipp-visitierenden Betrachter, quasi auf der Durchreise, dennoch nicht gänzlich in visueller Dunkelheit, da ein Lichtschimmer interpretatorischer Verständlichkeit auch dem schnellen Blick Erhellung anbietet. Doch nimmt man sich Zeit, ergibt man sich einmal dem zunächst nur Erahnbaren, Dargebotenem, findet man sich am Beginn einer abenteuerlichen Expedition.
Eine gute Expedition, so wird es empfohlen, will gut vorbereitet sein, so dass die Ausrüstung, die dem Betrachter der Arbeiten sachkundig als Gepäck zur Seite gestellt wird, eine absolute Steigerung der Erkundungsfreude verspricht: Offenheit zu zeigen, seiner eigenen humoristischen Intuition zu folgen, Zitate aus der ferneren und näheren Kunstgeschichte zu zulassen, der gebotenen Eigenart zu vertrauen und die reale Skurrilität zu sozialisieren. Dies soll die Grundausstattung sein, die ihre vielschichtige Einsetzbarkeit im weiteren Verlauf der Reise unter Beweis stellen wird. Sie ist jederzeit erweiterbar und heißt willkommen, sich zu verselbständigen und synergetisch zu mehren.
Der Beginn ist gemacht.

So wie es beim Schach die unterschiedlichsten Eröffnungen gibt, hat der Betrachter jetzt jede Möglichkeit, die Arbeiten von Michael O. Flüß durch eigenen persönlichen Erfahrungsschatz, angehäufeltes Expertentum, gesammelten Wagemut und gebündelte Neugier dazu einzusetzen, viel zu entdecken.
Wohlwissend, dass trotz eines sich immer schon bewährten und allseits bekannten Beginns, jede Partie einen anderen Pfad und ein anderes Ende nehmen kann. Kann muss nicht.

Die empfohlene und vorgestellte Grundausstattung soll nun zusätzlich um eine Karte ergänzt werden, einen Leseplan, in dem der Künstler dem geneigten Betrachter um drei Schritte bis hin zu einem untertauchenden Vorsprung hakenschlagend vorauseilt und dennoch dankenswerterweise kleine Hinweise und Markierungen hinterlässt. Diese Kartographie folgt nur augenscheinlich einer langen Tradition, schliesslich wurde schon um 1500 vor Christus das Alphabet erfunden und doch reibt man sich ungläubig die Augen, und staunt, was die Anordnung der Lettern zumutet.

Es gibt viel zu entdecken, unbenommen hat Michael O. Flüß per vitam einen radiologischen Blick, der Mehrdimensionalität geradezu herbeizusehnen scheint und diese ebenso künstlerisch wie auch realistisch umsetzt. Es ist nicht der reine Realismus, der hier vorherrscht, doch scheint dem Werk eine ureigene Erkenntnis zu Grunde zu liegen, basierend auf einer eigenen beobachtenden Empirie, die unerschöpflich zu sein scheint und folgt ergänzend dazu dem befreienden Erfundenen, einem minimalistischen Konzept das Objekt, geplant entdeckt und einer Demonstration von Wahrheit und einer Idee von Wirklichkeit.
Abgebildete Momente naturalistischer Ausformulierung, die oftmals verrückte Leichtigkeit in die Bilder bringt und dem einschränkenden Abbilden-des-Dinges-an-sich eine verrückbare Poesie vorstellt: Der Begriff Gegenständlichkeit wird hier mitunter wortwörtlich genommen.

Doch dem virtuos durchdeklinierten Realismus, schießt ein Quäntchen magische Modifikation in die gemalte Parade, die Walter Benjamin im Selbstlauf der Betrachtung als eine Bildwelt jenseits des Sinns bezeichnet hätte.

Michael Flüß unterzieht seinen Motiven demnach eine körperliche Grenzerfahrung, so wird der malerische Gegenstand als zentrales Element entweder einem metamorphen Prozess unterzogen und ver-funktionalisiert, animalisiert oder tatsächlich den realen Grenzen des bildlichen Rahmens zur tendenziellen Sprengung ausgesetzt.

Allein ist Michael O. Flüß nicht in jener Welt, denn auf dem Pfad der Verfremdung, sollen ihm zwei geistige Weggefährte gute und anregende Gesellschaft sein.
Eine ganze Weile steht ihm Gerhard Richter wohlwollend zur Seite und scheint den Dialog als Verbindung seiner eigenen Entdeckungslust und Findigkeit ausschnitthafter und detaillierter Einblicke gerade in jenen Wolkenbildern zu genießen: Am Himmel nichts als Wolken und die Wirklichkeit liest sich als Zitat Gerhard Richters, der das Sujets der Abmalungen in Landschaften, Meeresbildern, Stillleben und Portraits ebenso gepflegt hat wie die Ironisierung traditioneller Landschaftsbilder durch den Fotorealismus. Die bieten einen zweifellosen Perfektionismus, der durch die forschende und experimentierende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit die eigene geschärfte Wahrnehmung einlädt, Wahrheit zu erfahren.

Um den Betrachter jedoch formvollendet mit verlockender Verwirrung, enzyklopädischer Akribie in seinen Bann zu ziehen, sei nun auch der zweite Inspirator vorgestellt, der Michael O. Flüß als Dialektiker beschreibt:
In: Absolute Vilém Flusser gingen die Texte zu Beginn der Geschichte und damit zu Beginn der Erfindung des Alphabetes (bekanntermaßen vor mehr als dreieinhalb tausend Jahren) gegen die Bilder vor, um diese zu erzählen, aber auch um sie weg zu erklären. (Das historische Bewusstsein, damals nur einer kleinen Schicht von Litterati verfügbar, engagierte sich gegen das magisch-mythische und Bewusstsein der Menge). Die Bilder, ihrerseits, setzten sich gegen diesen Angriff zur Wehr, und sie illustrierten die Texte, welche versuchten, sie weg zu erklären. Diese Dialektik zwischen Text und Bild verstärkte beides: das magisch-mythische wie das historische Bewusstsein.
Bei Flusser verstrickt sich in der weiteren Argumentation die dialektische Kommunikation in heidnischen Bildern versus christlicher Texte und enden in der Illuminierung. Doch ist er weiterhin auch Theoriegeber der „telematischen Gesellschaft“, in der man den einzelnen Menschen nie als losgelöstes Subjekt betrachten kann, sondern das Selbst erst in der Relation zu dem Anderen entsteht: ein intersubjektives Relationsfeld.
Michael O. Flüß selbst bewegt sich mit seiner Kunst und im eigenen Selbstverständnis in der lexikalischen Matrix als einem integralen Teil der menschlichen, aber auch animalischen Sprache, die die Verbindung zwischen der Wortart und der Bedeutung darstellt.

Dafür gibt es Indizien, die die künstlerische, aber darüber hinaus eine allumfassende Haltung widerspiegeln und leben.
Drei Komponenten der Lesbarkeit sollen wenigstens exemplarisch vorgestellt werden und an einem telematisch und im Sichtbarmachen der lexikalischen Matrix betrachtet werden. Als erstes: Trio. Es zeigt drei Musiker auf Hockern sitzend, jeder spielt Fagott. Der zweite Blick eröffnet eine weitere Dimension, die sich nicht meta-ebnisch in den kontextuell-philosophischen Himmel erhebt, sondern bodenständig bleibt. Der obere Teil zweier Instrumente besteht aus Fischköpfen, so dass sich damit eine musisch-organische Poesie einstellt und der erste Eindruck der realen Plastizität wundersam aufgehoben wird.
In unmittelbarer, jedoch absolut temorärer und willkürlicher Nachbarschaft grüßt das Kameleon in Grzimek’scher Tradition: Auf weiter Flur, aufgehöckert, ein reptilien-köpfiges Trampeltier. So kann es gehen, so gewinnt die Scheinbarkeit und schöpft aus ihren Ressourcen: Dialoge sind hier gewollt ungewollt, nicht zu erzwingen, aber laden herzlichst zum Verweilen ein.
Davon gibt es mehr und mehr. Der magisch-reale Moment ist gleichermaßen präsent und dennoch in der dargelegten Implizierung nicht allseits gegenwärtig oder auf den ersten Blick ersichtlich, sondern kann unter den unterschiedlichsten  Konjunktionen regelrecht fabel-fibelig gelesen werden. Und so befinden wir uns als Betrachter und Geniesser mitten im magischen Landstrich des Realismus, da wir uns ungezwungen im Wunderbaren des Alltags eingebettet fühlen.
Tauchen wir weiter ein und realisieren wir, dass die Motivfamilien in ihren Rudimenten eine erkennbar klare Zuordnung ermöglichen : Viel Meeresgetier, mitunter die Ur-Mutter des Naturalismus, dennoch mit der despektierlichen Betitelung Glotz I & II aus der Sippe der Aquadrate, und somit geht jegliche Feierlichkeit und Andacht erleichternd in der Ironie baden. Der Stammbaum verästelt sich zunehmend, wir passieren den Eisernen Schließfisch ventilophorus ferreus und seinen „Cousin“, den Tonfisch ichthyoflautus mechanicus, beiden spricht  Flüß eine wichtige Aufgabe zu und durch die wohlgewonnene Doppelung sind ihre Qualifikationen von penibelster Ausgewähltheit.
Die familiäre Verbundenheit zwischen Tier und Instrument, Mensch und Tier, Landschaft und Sanitärem, Frucht und Tier, Organischem und Mechanischem wird geradezu inzestuös zelebriert. Und kommt ab und an ein Ding an sich aufs Tapet, wird auch dieses herzlich willkommen geheißen. Allerdings nicht ohne, da nun bereits der geschulte Blick auf Entfremdung und illustre Irritation gepolt ist, auch hier die besondere Benennung der künstlerischen Klassifizierung und seiner Besonderheit zu antizipieren.
Und nie wieder wird der Betrachter in einem Fön nur einen Fön, in einem Fischmaul nur ein Fischmaul sehen, sondern in jedem unverzichtbaren Büroartikel auch ein Heimchen vermuten, das unumwunden mit großer Würde der Klassifizierung Gemeines Reimchen iambus adhaesivus, oder Zipperlein morbulus laterophagus alle Ehre macht.

Quelle des Zitates:
Absolute Vilém Flusser. Hrsg. Nils Röller und Silvia Wagnermaier. Freiburg orange press, 2003, S.77.  Krise der Linearität, Bern: Benteli. 1988.

Text von Wibke Behrens M.A., Design-Philosophin, Kuratorin und Systemischer Coach
Wibke Behrens lebt und arbeit in Berlin.